Das Suez-Syndrom: Ringen um die Flaschenhälse im Welthandel

Das Suez-Syndrom: Ringen um die Flaschenhälse im Welthandel

  • Januar 2023

Liebe Leserinnen und Leser,

in unserer aktuellen Ausgabe des Magazins geht es um die Weltwirtschaft und den Welthandel – genauer: die Orte, an denen sich die weltumspannenden Lieferketten bündeln und durch geografische Engpässe verlaufen.

Diese „Flaschenhälse“ bilden neuralgische Punkte eines global aufgebauten Systems, im Rahmen dessen Rohstoffproduzenten, Landwirtschaftsbetriebe und Minenbetreiber, Zulieferer, mittelständische Firmen sowie Transport und Logistikunternehmen im Verbund mit Versicherungen und Handelsgiganten den Fluss von Waren und Dienstleistungen zwischen allen Kontinenten bewerkstelligen.

Die Bündelung dieser Ströme an Orten wie der Straße von Hormuz im Persischen Golf, der Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko oder dem Kap der guten Hoffnung an der Südspitze des afrikanischen Kontinents birgt Risiken, weil infolge eines Unfalls oder einer Blockade auf einen Schlag Teile des Welthandels zum Erliegen kommen. Dies ist auch der Grund, warum die Anrainerstaaten und große Mächte seit jeher versuchten, solche Gebiete zu kontrollieren oder zumindest einen gewissen Einfluss darüber auszuüben.

Häufig entzündeten sich in der Geschichte Auseinandersetzung um Meerengen, Häfen, Kanäle oder strategisch wichtige Landverbindungen und Gebirgspässe – erwähnt sei beispielsweise der Opiumkrieg der Engländer um die südchinesischen Hafen- und Handelsstädte Hongkong und Guangzhou im 19. Jahrhundert oder die Suez-Krise rund um den gleichnamigen Kanal in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Der Suez-Kanal und seine Geschichte nimmt auch einen wichtigen Platz in unserem Magazin ein. Wussten Sie, dass er nicht nur ein geografisches Nadelöhr für die Schifffahrt darstellt, sondern auch für die weltweite Kommunikation von herausragender Bedeutung ist?

Ähnliches gilt für die Straße von Malakka im Fernen Osten, die Schiffspassage Bab el Mandeb mit dem Kleinstaat Dschibuti am Schnittpunkt zwischen Asien und Afrika und den Panama-Kanal in Mittelamerika. An allen drei Orten ringen mehrere Mächte um Einfluss beziehungsweise spielten und spielen neben wirtschaftlichen auch militärstrategische Faktoren und Überlegungen seit jeher eine Rolle.

Diese Aufzählung ist selbstredend nicht ansatzweise vollständig, sondern könnte deutlich ausgeweitet werden. Die vier im Magazin vorgestellten Kanäle beziehungsweise Meerengen repräsentieren stellvertretend für viele andere Orte die typischen Charakteristika der „Flaschenhälse“ des Welthandels, die immer wieder in unterschiedlicher Form in der Gegenwart aufblitzen:

So führte die Havarie des Containerfrachters „Ever Given“ im Jahr 2021 zu wochenlangen Ungleichgewichten im Welthandel und ließ dadurch die Bedeutung des Suez-Kanals greifbar werden.

Der Panama-Kanal verdankt seine Existenz von Beginn an militärischen und wirtschaftlichen Interessen fremder Mächte – erst der Franzosen, dann der Amerikaner. Die faktische Unabhängigkeit Panamas von den USA wurde in gewisser Weise auch erst durch die Verstaatlichung des Kanals erreicht. Das erste Schiff, das ihn nach seiner Erweiterung passierte, war bemerkenswerterweise ein chinesischer Containerfrachter – ein Sinnbild für die langsam voranschreitende ökonomische Machtverschiebung nach Osten auch in diesem Teil der Welt.

Im Ringen zwischen Amerika und China – aber nicht nur für diese beiden Länder – spielt die Straße von Malakka als Nadelöhr des maritimen Handels eine überragende Rolle. Ihr kommt als Durchgangsweg zwischen dem territorial umstrittenen Südchinesischen Meer und dem Indischen Ozean eine geopolitisch aufgeladene Bedeutung zu.

Schließlich fließen große Teile des Welthandels durch das Rote Meer am Horn von Afrika vorbei – ein Umstand, dem der Wüstenstaat Dschibuti seine internationale Aufmerksamkeit verdankt. Gleich fünf fremde Mächte – Frankreich, die USA, China, Japan und Italien – haben dort Militärstützpunkte errichtet und beäugen sich misstrauisch. Die Tatsache, dass es sich sowohl bei der chinesischen als auch bei der japanischen Garnison um die einzigen Militärstützpunkte beider Länder im Ausland handelt, symbolisiert die Verbindung von Wirtschaft und Politik entlang der „Flaschenhälse“ eindrücklich.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihnen,

Nicolas Dvorak

Stellvertretender Chefredakteur

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