Die USA und die Türkei – Ziemlich beste Freunde

Die USA und die Türkei – Ziemlich beste Freunde

  • August 2018

Das Verhältnis der Türkei zu den USA ist ambivalent: Beide Staaten sind als NATO-Mitglieder außenpolitisch eng miteinander verwoben. Steve Bannon hat in mehreren Interviews gesagt, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu jenen Staatsmännern zählt, die US-Präsident Donald Trump besonders schätzt. Erdogan und Trump verbindet außerdem das gemeinsame Interesse, die alten Obama/Clinton-Netzwerke loszuwerden. Der Streit um die religiösen Führer – einen Pastor in der Türkei und einen Prediger in Pennsylvania – ist Ausdruck des Bemühens beider Staatschefs, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien. In Kriegsfragen arbeiten beide Staaten unverändert eng zusammen – so etwa in Syrien, wo die Türkei einen Teil des Landes überfallen hat und diesen nun als Faustpfand für die türkisch-amerikanische Allianz in die Verhandlungen mit den Russen einbringen kann.

Nach außen gab es in den vergangenen Wochen zwar Risse, doch diese Finanzkrise, wegen der es scheinbar zu Spannungen kommt, trifft die Türkei nicht deswegen besonders stark, weil die Amerikaner die Regierung Erdogan zu Fall bringen möchten.

In erster Linie ist die Türkei unter Druck geraten, weil sie nicht ausreichend auf die Entwicklung vorbereitet war, die als Folge der Zinserhöhung der US-Notenbank Federal Reserve nun vielen Schwellenländern Probleme bereitet. Viele türkische Privathaushalte und Unternehmen haben sich in den unbestrittenen Boom-Jahren zu stark verschuldet – ausgerechnet mit Dollar-Krediten.

Der Absturz des Lira-Kurses hat in erster Linie katastrophale Folgen für die türkischen Schuldner. Dabei steht in diesem Zusammenhang, im Gegensatz zu anderen Ländern, nicht der Staat im Mittelpunkt. Die Staatsschulden wurden in den vergangenen Jahren auf knapp 27 Prozent des BIP gesenkt. Unternehmen und Privathaushalte haben ihre Kredite in Fremdwährungen aufgenommen – hier insbesondere in Euro und US-Dollar. Es handelt sich um etwa 400 Milliarden Dollar, wovon ein großer Teil nur kurze Fristen aufweist. Die Beträge sind also bald zu tilgen oder neu aufzunehmen. Man hofft, dass sich die Lage an den Börsen beruhigt und der Kurs nicht bei den derzeit geltenden Werten bleibt. Aber eines ist nicht mehr vermeidbar – die türkischen Schuldner werden weit mehr zurückzahlen müssen als sie bekommen haben.

Die unvermeidlichen Folgen sind absehbar: Viele Kreditnehmer werden die höheren Beträge nicht zahlen können und in Konkurs gehen. Die Banken werden Verluste erleiden. Betroffen sind türkische Banken, die Fremdwährungskredite vermittelt haben, sowie vor allem westeuropäische Institute, die türkische Kunden finanziert haben. Dass der türkische Staat den nationalen Banken zur Hilfe eilen wird, ist anzunehmen.

Tatsächlich trifft die Türkei-Krise aber auch die Europäer mit einiger Heftigkeit: Spanische Banken führen mit Forderungen in der Höhe von über 80 Milliarden Dollar die Liste der ausländischen Geldgeber an, gefolgt von Frankreich mit 38 Milliarden, Deutschland mit 21 Milliarden und Italien mit 17 Milliarden. Die ausländischen Institute müssen aber nicht nur die Pleite ihrer überforderten Kunden fürchten.

Das ungarische Beispiel wird in diesem Zusammenhang diskutiert: Mit Hilfe von gesetzlichen Regelungen wurden die ungarischen Schuldner vor den Folgen von Forint-Abwertungen bereits 2012 und 2015 geschützt. Die Banken verloren hunderte Millionen. Dass man in der Türkei auf ähnliche Gedanken kommen könnte, liegt nahe.

Nicht nur die türkische Regierung wird sich mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Die Milliarden-Verluste, die den westeuropäischen Banken drohen, werden die Institute trotz aller Beschwörungen nicht so einfach ohne Hilfe verkraften können. Das Thema „Bankenrettung“ wird wieder aktuell, trotz aller Regelwerke, die dafür sorgen sollten, dass europäische Banken nie wieder Hilfe von den Staaten bekommen.

Damit aber könnte eine Debatte in Fahrt kommen, die den US-Banken hilft. Der europäische Banken-Sektor steht vor einer Konsolidierung. Das türkische Fiasko könnte als Katalysator wirken, um diesen Prozess zu beschleunigen. Nach dieser finanzwirtschaftlichen Neuordnung in Europa wird sich zeigen, ob die USA und die Türkei immer noch „ziemlich beste Freunde“ sind.

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