Kreative Zerstörung: Warum wir Innovationen brauchen

Kreative Zerstörung: Warum wir Innovationen brauchen

  • Mai 2015

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er macht gern das, was er immer schon gemacht hat. In der Routine fühlt er sich eine ganze Zeit lang wohl, bis die Veränderung unausweichlich wird. Steigt der Problemdruck an, intensiviert er die Suche nach Lösungsstrategien. Schon an dieser Stelle beginnt die Schwierigkeit: Wie kann man es schaffen, aus den Bahnen, die das eigene Denken bestimmen, auszubrechen?

Dieses kurze Denkbeispiel gilt auch für politische Institutionen: Handlungsroutinen und Denkmuster bei Institutionen bezeichnet man als Pfadabhängigkeit. Eine bewährte Philosophie wird in eine Handlungsmaxime umgewandelt. Diese Handlungen verfestigen sich. Aus ihnen entstehen Institutionen, die eine bestimmte Denkweise und Diskurse in der Gesellschaft bestimmen.

Die US-Elite-Universität Princeton verlässt nun überraschend diesen Pfad. Sie hat mit dem herrschenden Paradigma der USA als dynamischster Demokratie der Welt gebrochen. In einer Studie weisen Demokratieforscher der Princeton University darauf hin, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Interessen der Massen gegen die Interessen der wenigen Mächtigen nicht ankommen können.

Bei Universitäten sind Wandel und Flexibilität im Denken noch häufiger zu entdecken. Bei dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) hingegen sucht man vergeblich nach neuen Denkmustern. Es gibt keine Alternative dazu, Griechenland mit Krediten im Euro zu halten. Dabei ist klar: Die unzähligen Milliarden helfen nicht den griechischen Bürgern, sondern nur den Banken und dem immer noch korrupten Staatsapparat.

Institutionen sichern den Status quo, sie schaffen Ordnung und auch Fortschritt. Doch bahnbrechende Innovationen und Entwicklungen bedürfen neuer Denkmuster. Die Kunst, Neues zu denken, wird nur noch von der Kunst übertroffen, neue Ideen gegen träge Institutionen durchzusetzen.

Große Unternehmen kennen die Schwierigkeit, sich Innovationen anzueignen. Je größer das Unternehmen, desto reglementierter sind die Arbeitsprozesse. Der Blick für Innovationen geht im Detail verloren. Das ist auch der Grund dafür, warum Google und Facebook auf der Suche nach Innovationen auf Start-ups schauen, sich an ihnen beteiligen oder sie ganz aufkaufen.

In der 22. Ausgabe des Printmagazins der Deutschen Wirtschafts Nachrichten geht es um Konzepte, Theorien und Erfindungen, die entweder an den bestehenden Institutionen abprallen, sie langsam durchdringen oder in manchen Fällen auch zu Fall bringen können.

Der französische Philosoph Michel Foucault analysierte die Möglichkeit ‚anders zu denken‘: „Es gibt Augenblicke im Leben, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist. (…) Aber was ist die philosophische Aktivität, wenn nicht die kritische Arbeit des Denkens an sich selbst?“ Mit dem Aufkommen der sozialen Medien haben auch die Massen die Möglichkeit, Diskurse – wenn auch marginal – mitzugestalten. Facebook hat uns beigebracht anders zu denken. Wir nehmen Öffentlichkeit anders wahr. Wir bekommen ein Gefühl für die eigene Identität, sind stets präsent in Form von privaten Daten, die wir preisgeben. Doch die Dynamik von Netzwerken wie Facebook ist vergänglich. Analysen haben ergeben, dass die nächste Generation von Facebook gelangweilt sein wird. Die Weiterentwicklung des Internets hin zu großen Bandbreiten lässt Videobotschaften mehr in den Vordergrund rücken. Textlicher Inhalt, der im Web 2.0 durch Facebook, Twitter und Blogger eine Renaissance erlebt hat, gerät in den Hintergrund. Ein großer Wandel vollzieht sich auch in der Art, wie wir für Waren, Dienstleistungen und Lebensmittel bezahlen werden. Konzepte zur Abschaffung von Bargeld und zum Bezahlen mit dem Smartphone können den Konsumenten noch transparenter machen.

Die Informationsgesellschaft, die zum Nachdenken anregen sollte, nimmt dem Menschen genau diese Eigenschaft in entscheidenden Bereichen ab. Bald treffen Autos im Straßenverkehr Entscheidungen ohne den Fahrer. Ein Prototyp eines Roboters kann Gerichte kochen, die mit den Kreationen von Sterneköchen mithalten können. Maschinen sollen wie Menschen denken lernen, während Menschen das Denken wie eine Dienstleistung an Maschinen auslagern.

Neue Technologien liefern aber auch Chancen. Das zeigt sich unter anderem in einer App, die es Bürgern ermöglicht, Einsicht in behördliche Daten zu erhalten. Das Informationszeitalter schafft einen Bedarf nach neuen Konzepten für Mobilität, erneuerbare Energien und nachhaltige industrielle Produktion. Die Stammzellenforschung hat das Potenzial, das Leben des Menschen um 50 Jahre zu verlängern. Der anders denkende Mensch lässt sich nicht von den neu entstehenden Pfaden abhängig machen. Innovationen geben ihm die Möglichkeit, aus der Routine auszubrechen und seine Welt zu verändern.

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