Krisenmodus als Normalzustand: Ausblick auf eine unsichere Zukunft

Krisenmodus als Normalzustand: Ausblick auf eine unsichere Zukunft

  • Januar 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

viele Verbraucher, Investoren und Unternehmer empfinden den Krisenmodus in Deutschland leider längst als Normalzustand. Sie auch? Dann spiegelt diese Ausgabe des DWN-Magazins vermutlich Sie und Ihre Lebenssituation wider.

Die vergangenen Jahre haben die Erwartung zerstört, dass auf eine Krise automatisch eine längere Phase der Ruhe folgt. Stattdessen überlagern sich Unsicherheiten: wirtschaftlich, politisch, technologisch. Was früher als Störung galt, ist heute eine Art Grundrauschen, eine Art Kalter Krieg auf allen Ebenen des Lebens. Planung fühlt sich oft an wie Navigation auf Sicht – mit dem Unterschied, dass die See dauerhaft unruhig bleibt.

Stabilität war lange kein Thema, weil sie da war. Niemand musste sie erklären, verteidigen oder aktiv herstellen, sie war einfach da. Heute zeigt sich, wie viel von dieser Stabilität lediglich auf Annahmen beruhte: Kostenstrukturen haben sich verschoben, Risiken materialisieren sich schneller, politische Eingriffe wirken unmittelbarer auf betriebliche Entscheidungen. Wer heute Verantwortung trägt, spürt: Es geht nicht mehr darum, ob etwas passiert, sondern wann.

Diese Verschiebung ist nicht dramatisch im klassischen Sinn. Es gibt keinen plötzlichen Zusammenbruch, keine große Zäsur. Vieles funktioniert weiter – gerade gut genug, um den Eindruck von Normalität zu bewahren. Doch unter der Oberfläche verändern sich die Spielregeln. Höhere Preise bleiben, auch wenn die Inflationsraten sinken. Finanzierung kostet wieder Geld und bindet Aufmerksamkeit. Wachstum existiert, aber es fühlt sich schmal an, fast fragil.

Hinzu kommt eine politische und fiskalische Enge, die den Handlungsspielraum begrenzt. Der Staat bleibt präsent, aber seine Prioritäten verschieben sich. Pflichtausgaben binden Mittel, Zinslasten kehren zurück, sicherheitspolitische Anforderungen wachsen. Für Zukunftsinvestitionen bleibt oft nur das, was nach Abzug des Unvermeidlichen übrig ist. Das ist kein formaler Stillstand, aber ein struktureller. Entscheidungen werden vertagt, Prozesse ziehen sich, Reformen verlieren an Schärfe. Für Unternehmen bedeutet das: weniger Verlässlichkeit von außen, mehr Verantwortung im Inneren.

Auch Vermögen bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Lange Zeit schien es, als ließen sich Risiken durch steigende Preise überdecken. Niedrige Zinsen machten vieles möglich, manchmal zu vieles. Als sich das Umfeld drehte, zeigte sich, wie empfindlich diese Konstruktionen waren. Heute entstehen neue Gleichgewichte – langsamer, selektiver, regionaler.

All das verdichtet sich im Alltag von Führung. Dauerkrise ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Arbeitsrealität. Die größte Belastung entsteht dabei selten durch äußere Schocks allein, sondern durch innere Unklarheit. Wenn Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind, Prioritäten wechseln und Orientierung fehlt, steigt der Reibungsverlust. Menschen können Unsicherheit aushalten – Beliebigkeit nicht.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Abschied zu nehmen von der Idee der Unverwundbarkeit. Sie war bequem, aber sie hat blind gemacht. An ihre Stelle tritt etwas Anspruchsvolleres – die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben, ohne handlungsunfähig zu werden. Wer das akzeptiert, gewinnt keinen Komfort, aber Kontrolle. Nicht über die Welt, wohl aber über die eigene Reaktion auf sie.

Dieses Januar-Magazin ist aus dieser Haltung entstanden. Nicht, um Krisen zu dramatisieren, sondern um sie einzuordnen. Nicht, um Rezepte zu verkaufen, sondern um Denkrahmen zu schärfen. Krisenmodus als Normalzustand heißt nicht Resignation. Es heißt, die Realität anzuerkennen und darin souverän zu handeln. Wer das tut, ist nicht unverwundbar – aber vorbereitet. Und das ist in dieser Zeit der entscheidende Unterschied.

Ihr Markus Gentner

DWN-Chefredakteur

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